Samstag, 22. Januar 2011

...und ich kenne noch nichtmal ihren Namen...


Ich schrecke aus meinem Gedankenmüll auf, als sie mich nach etwas zu essen Fragt.
Hatte bei meinem ziellosen Spaziergang durch die Stadt nicht bemerkt, in welchem Viertel ich gelandet war. Irritiert schaue ich zu ihr herüber, taxiere sie misstrauisch von oben herab. Habe schlechte Laune und will nicht blöde von der Seite angequatscht werden. Schon gar nicht von irgendwelchen Schnorrern, die fast an jeder Ecke stehen, hier in dieser Stadt. Will sie anschnauzen, dass sie mich in Ruhe lassen und sich verpissen soll. Irgendetwas an ihr hält mich davon ab.
Sie steht unmittelbar neben mir.
Vielleicht 1,65 groß, dürr und frierend. Kein Wunder, ihre knappen, sommerlichen Klamotten passen nicht in diese kühle Winternacht. Ich sage nichts und schaue sie nur an. Sie schaut zurück, fixiert mich auf eine gewisse Art die mich befremdet, abstoßend und mitleiderregend zugleich. Irgendwie. Gebe ihr wortlos etwas Geld. Sie bedankt sich und will wissen, was ich hier mache, ob sie etwas für mich tun kann. Dabei taxiert sie mich so eigenartig. Sie ist hübsch. Und jung. Sehr jung. Bevor ich darüber nachdenken kann, was so ein junges Mädchen nachts hier auf der Straße macht, fängt sie an auf mich einzureden.
Sagt, dass sie mich hier noch nie gesehen hat.
Plappert belanglose Dinge, die an mir vorbeizurauschen scheinen. Ihre Augen sind es, die erzählen und mich in ihren Bann ziehen. Leblose, stumpfe Augen. Und doch, irgendetwas schimmert in ihnen. Etwas, das mich berührt. Das Mädchen fragt, ob ich mit dem Auto da bin. Nein, bin ich nicht. Sie zuckt bei meinem harten Tonfall zusammen, zieht hektisch an der Kippe und murmelt, dass sie doch nur gefragt hat, weil ihr kalt ist und etwas Wärme nicht schlecht wäre. Der zaghafte Klang ihrer Worte trifft mich. Mürrisch entschuldige ich mich und frage, was sie denn hier macht. So spät, in dieser kalten Nacht. Sie grinst mich an.
Erst jetzt wird mir klar, was sie will.
Ihr junges Gesicht wirkt plötzlich so erwachsen. Auf eine Weise, die mich anwidert. Vulgär, berechnend und emotionslos. Ich will mich abwenden und gehen, sie wieder sich selbst überlassen. Soll sie doch zu anderen ins Auto steigen und denen geben, was sie offensichtlich anzubieten hat. Aber ich kann nicht, bleibe bei ihr stehen. Sie ist noch ein Kind. Sehe es hinter dem geschmacklosen, viel zu grellen Make-up. Bemerke die Spuren in ihrem Gesicht, die von vielen schlaflosen Nächten wie dieser erzählen. Hier, auf der Straße. Ich weiß nicht warum und doch frage ich, ob sie einen Kaffee oder eine wärmende Suppe möchte. Dort in dem Lokal auf der anderen Straßenseite.
Erstaunt sieht sie mich an.
Ein wenig zaghaft folgt sie mir. Ich bestelle 2 Tassen Milchkaffe und Marlboro bei der Bedienung. Beinah gierig reißt sie das Päckchen auf, raucht eine Zigarette nach der anderen und verbrennt sich fast die Lippen an der heißen Brühe. Sitze ihr wortlos gegenüber und höre zu. Sie erzählt von ihren jüngeren Geschwistern, die noch bei den Eltern leben und es dort nicht gut haben. Ein bitterer Zug legt sich um ihre zarten Lippen. Die saufen den ganzen Tag, hängen auf dem Sofa rum und gucken Videofilme. Einen nach dem anderen, bis der billige Schnaps Wirkung zeigt und die beiden eingepennt sind. Jeden Tag, Woche für Woche. Sie kennt ihre Eltern nur so, sagt sie. Ich kann ihr kaum folgen, so prasseln ihre Sätze auf mich ein. Die Augen des Mädchens blitzen auf, als sie von ihrer Oma spricht. Zu ihr ist sie immer geflüchtet, wenn sie es daheim nicht mehr ausgehalten hat. Bei ihr hat sie sich beschützt und geborgen gefühlt. Beschützt vor den brutalen Schlägen des Vaters, der sinnlos auf sie einprügelte, wenn sie nicht wollte wie er. Unruhig zündet sie sich wieder eine Zigarette an, sagt leise, dass sie von zuhause abgehauen ist als die Oma starb. Vor einem Jahr oder so.
Ich spüre, dass mir übel wird.
Klischees haben ihre Wahrheit. Die mir nicht gefällt, nicht in diesem Augenblick. Empfinde Mitleid. Und auch Wut. Darauf, was sie ist und auf die, die sie zu der gemacht haben, die sie nun ist. 18 antwortet sie als ich frage, wie alt sie denn sei. Das ist eine Lüge und sie weiß, dass ich ihr das nicht abkaufe. Schätze sie auf höchstens 15, vielleicht 16. Ich wäre nett, sagt sie. So einer wie ich ist ihr noch nicht begegnet, sonst sind die älteren Männer immer anders. Aufdringlich und schmierig. Klingt resigniert, wie sie es sagt. Ich bemerke meinen aufkommenden Zynismus, will sie rügen. Dafür, dass sie mich mit diesen Männern vergleicht, doch meine Eitelkeit ist fehl am Platz. Manche sind nicht mal so schlimm, sagt sie fast tonlos und bei einem dieser Kerle darf sie zuweilen sogar übernachten, wenn er befriedigt ist. Sie ist dankbar für das warme, saubere Bett und manchmal bekommt sie von ihm Frühstück, morgens, bevor sie wieder geht. Meistens schläft sie bei irgendwelchen Junkies, die sie nicht mal richtig kennt. Dort ist es dreckig und es stinkt nach Kotze und Urin. Sie plappert und plappert. Jetzt ist sie Kind, dankbar, mal reden zu dürfen, wahrgenommen zu werden, ohne etwas dafür geben zu müssen. Ja, sie träumt von der Zukunft, möchte eine Ausbildung machen. Vielleicht Krankenschwester oder Altenpflegerin werden, für andere Menschen da sein, ihnen helfen. Das ist ihr Traum, schwärmt sie.
Ich weiß nichts darauf zu sagen.
Hektisch löffelt sie die Goulaschsuppe. Kratzt sich zwischendurch an den verkrusteten Wunden der Einstiche, die ich erst jetzt an ihren Armen entdecke. Natürlich, was sonst. Sie haben ihre Wahrheit, diese verdammten Klischees. Traurig beobachte ich sie, tauche meinen Blick in ihre Augen. Blaue Augen, in denen für einen Moment ihre ganze Kindlichkeit erwacht ist. Sie bemerkt es und grinst mich an. Da ist es wieder, dieses abschätzende Professionelle. Ihre Stimme, plötzlich rau und verführerisch. Gekonnt bläst sie den Zigarettenrauch in mein Gesicht und schaut mich auffordernd an. 15 Pfund und ohne Gummi 30, sagt sie mit einem lockenden Lächeln. So lange ich will. Aber ich will nicht und auch das weiß sie. Nicht für 15 Pfund, nicht mit oder ohne Gummi. Ich zahle. Kaufe ihr noch ein weiteres Päckchen Zigaretten und eine Tüte Haribo Goldbären. Die mag sie so gern.
Draußen stehen wir voreinander.
Sie und ich. Weiß nicht mehr, was ich in meiner Hilflosigkeit noch sagen könnte. Spüre nur, dass ich nichts für sie tun kann. Schaue sie verlegen an, diese junge Frau, das Mädchen, das längst keines mehr ist. Nicht mehr lange und das letzte, bewahrte Stückchen Kindheit wird auch verschwunden sein. Aus ihrem Gesicht, aus ihrem Leben. Für einen kurzen Augenblick, nur für ein paar Sekunden denke ich, dass ich ihr vielleicht doch helfen könnte. Nein, ich kann es nicht. Lese in ihren Augen, dass es sinnlos ist sich darauf einzulassen und wundere mich erschreckt über meine egoistischen Gedanken. Gesunder, schützender Egoismus. Es ist ihre Geschichte und sie schreibt sie. Nur sie ganz allein.
Tief atme ich die frische Luft ein und berühre schüchtern ihren Arm, als ich mich von ihr verabschiede und alles Gute wünsche, wie immer auch die noch ungeschriebenen Kapitel ihres Buches weitergehen werden. Ein letzter Blick, ein leises Danke, bevor es sich umdreht und wieder in die Kälte dieser Winternacht verschwindet.
Das Mädchen, dessen Namen ich nicht mal kenne...

2 Kommentare:

  1. Tolles Posting... leider scheint dein Blog tod zu sein....


    http://www.a1-forum.at

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  2. gibts bald mal wieder neue einträge?

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